Nach einem Todesfall, einem schweren Unfall oder einem anderen belastenden Ereignis fehlen Kindern häufig die Worte für das, was sie erlebt haben. Angst, Traurigkeit, Wut, Schuldgefühle oder Verunsicherung zeigen sich dann nicht immer in einem direkten Gespräch. Der Kinder-Krisen-Einsatzdienst des DRK-Kreisverbandes Ravensburg e.V. nutzt deshalb im Rahmen der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) unter anderem Handpuppen, um Kindern einen altersgerechten und geschützten Zugang zu ihren Gefühlen zu ermöglichen.
Die Handpuppen sind Bestandteil des vom DRK entwickelten Trostkoffers. Darin befinden sich sowohl neutrale Figuren als auch Puppen in DRK-Einsatzkleidung. Sie können in der akuten Begleitung, in der Trauerarbeit und bei späteren Gesprächen über das Erlebte eingesetzt werden.
„Kinder sprechen häufig leichter mit einer Handpuppe oder über eine Handpuppe als unmittelbar mit einer erwachsenen Person“, erklärt Michael Schulz vom Kinder-Krisen-Einsatzteam. „Die Puppe darf Fragen stellen, Angst haben, traurig oder wütend sein. Dadurch können Kinder ihre eigenen Gefühle ausdrücken, ohne sofort selbst im Mittelpunkt zu stehen.“
Die Handpuppe übernimmt dabei eine vermittelnde Rolle zwischen dem Kind und der erwachsenen Bezugsperson. Sie kann Hemmschwellen abbauen, Vertrauen schaffen und dabei helfen, Gefühle sichtbar und besprechbar zu machen. Besonders bei Trauerfällen ermöglicht sie es, Erinnerungen zu teilen, Fragen zum Tod zu stellen oder Abschiedsrituale vorzubereiten und zu begleiten. Entscheidend ist, dass das Kind selbst bestimmt, ob und wie es mit der Puppe in Kontakt treten möchte.
Eine besondere Bedeutung haben die Handpuppen in DRK-Einsatzkleidung. Mit ihnen können Kinder eine erlebte Einsatzsituation im Rollenspiel noch einmal aufgreifen. Sie können nachstellen, wer vor Ort war, was geschehen ist und welche Aufgaben die Einsatzkräfte übernommen haben. Auf diese Weise kann beispielsweise eine kindgerechte Einsatznachbesprechung erfolgen. Unverständliche Abläufe lassen sich erklären, offene Fragen beantworten und möglicherweise beängstigende Erinnerungen vorsichtig einordnen.
„Im Spiel zeigen Kinder manchmal Dinge, die sie noch nicht erzählen können“, erläutert Schulz. „Die Handpuppe kann dann eine Brücke zwischen dem Erlebten und dem Gespräch darüber bauen. Sie ist jedoch kein therapeutisches Instrument, sondern ein unterstützendes Medium unserer psychosozialen Begleitung.“
Der Einsatz der Handpuppen erfolgt durch entsprechend eingewiesene Kräfte des Kinder-Krisen-Einsatzdienstes. Die Puppe wird behutsam eingeführt und niemals aufgedrängt. Im Mittelpunkt stehen stets die Stabilisierung des Kindes, seine individuellen Bedürfnisse und der respektvolle Umgang mit seinen Grenzen. Die PSNV-Kraft bleibt währenddessen als verlässliche Bezugsperson präsent und fachlich verantwortlich.
Der Trostkoffer des DRK kann bei Bedarf auch Angehörigen sowie Verantwortlichen in Vereinen, Sportgruppen, Kindertageseinrichtungen und Grundschulen zeitweise zur Verfügung gestellt werden. Damit können Kinder nicht nur unmittelbar nach einem belastenden Ereignis, sondern auch in den darauffolgenden Tagen und Wochen in ihrer vertrauten Umgebung begleitet werden. Pädagogische Fachkräfte, Lehrkräfte, Trainerinnen und Trainer sowie Angehörige erhalten bei der Übergabe eine Einführung in die Materialien. Bei Bedarf steht das PSNV-Team beratend zur Seite.
Neben den Handpuppen enthält der Trostkoffer weitere kindgerechte Materialien zur Trauer- und Erinnerungsarbeit sowie Anregungen für Gespräche, kreative Ausdrucksmöglichkeiten und gemeinsame Rituale. Die Ausleihe erfolgt nach vorheriger Abstimmung mit dem DRK-Kreisverband Ravensburg und ist kostenfrei.
Mit dem Trostkoffer und dem gezielten Einsatz von Handpuppen erweitert der DRK-Kreisverband Ravensburg seine Kinderkrisenhilfe um ein niedrigschwelliges und zugleich fachlich fundiertes Angebot. Es soll Kindern helfen, belastende Erlebnisse in ihrem eigenen Tempo zu verarbeiten und ihnen vermitteln: Alle Gefühle dürfen da sein – und niemand muss mit ihnen allein bleiben. Insgesamt verleiht das DRK kostenlos drei solcher Trostkoffer im Landkreis Ravensburg. Es ist toll, wie stark die Bevölkerung, Schulen und Vereine im gesamten Landkreis in Anspruch nehmen.
Weitere Informationen zum Trostkoffer und zum Kinder-Krisen-Einsatzdienst des DRK-Kreisverbands Ravensburg finden Interessierte hier.
